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Genderstern, Wohlstandsverwahrlosung und Herzensbildung

Bildung und Innovation sind Thema beim Jahresempfang der IHK Lahn-Dill

Vor den rund 400 Gästen des Jahresempfangs der Industrie- und Handelskammer Lahn-Dill hat IHK-Präsident Eberhard Flammer am Donnerstag eine überwiegend positive Bilanz der zu Ende gehenden 5-jährigen Legislaturperiode der IHK-Vollversammlung gezogen. Weiterhin konnte er langjährige Ehrenamtsträger der IHK und Landes- sowie einen Bundesbesten in der dualen Ausbildung ehren (gesonderter Bericht). Auf „Innovationen, Bildung und schlechte Zeiten“ richtete anschließend als Gastreferent Professor Franz Josef Radermacher aus Ulm in der Stadthalle Wetzlar einen ebenso scharfsinnigen wie launigen Blick.

Sein Vortrag geriet zu einem mehrfach mit Szenenapplaus kommentierten Überblick auf oft krisenhafte Entwicklungen in aller Welt, wobei der promovierte Mathematiker und Ökonom auch meist Lösungsansätze parat hatte. Scharf griff Radermacher beispielsweise die „absurde Energiewende“ und die Bildungspolitik an, die „Labern zur Kernkompetenz“ mache. Derweil sich die Gesellschaft beipielsweise angesichts der Flüchtlingsfrage politisch immer tiefer spalte, werde über den „Genderstern“ diskutiert. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz habe solche Vorgänge als „Wohlstandsverwahrlosung“ bezeichnet: „Wir sollten die Probleme lösen, die wir wirklich haben, und öfter mal unser Gehirn nutzen, wenigstens auf Grundschulniveau!“, appellierte der auch als „Botschafter für digitale Transformation“ an der Zeppelin-Universität Friedrichshafen tätige Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Franz Josef Radermacher an das aus Vertretern der heimischen Unternehmerschaft, Politik und Verwaltung bestehende Publikum.

Ein „substantieller Teil der Gesellschaft“ sei ebenso wenig für technische Bildung geeignet wie fürs Training für die 100-Meter-Weltmeisterschaft oder Schwergewichts Boxen, erklärte der Vorstand des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitungen in Ulm: „ Es ist nicht jeder für alles qualifiziert“, machte er bewusst: „Wir verhindern so die Chancen jener, die wir in falsche Bildungsgänge locken und überfordern!“ Ausdrücklich hob er dabei die Qualität und Bedeutung der dualen Berufsausbildung in Deutschland hervor, die optimal auf die Bedarfe des Arbeitsmarktes vorbereite. Radermacher sprach sich dafür aus, neben einer soliden Grundausbildung auch das zentrale Thema „Herzensbildung“ anzugehen, denn es sei ein Trugschluss anzunehmen, dass ein formal gebildeter Mensch auch automatisch ethisch handele, wie unter anderem die Finanzkrise gezeigt habe.

Neben der Bildung machte Radermacher das Thema „Innovationen“ als wesentlichen Schlüsselfaktor aus und schoss sich hier vor allem auf die Energiewende ein. Es seien absurde Vorstellungen, die energiepolitische Lösung der weltweiten Herausforderung des Klimawandels auf Deutschland begrenzt in der energetischen Sanierung von Gebäuden und im politisch verfügten Umstieg  auf Elektro-Autos zu sehen: „Da geraten gute Lösungen in den Hintergrund, weil einige Akteure politisch ihre Sicht auf das Thema durchsetzen“, wetterte der Wissenschaftler. „Da erklären manche, das Auto sei des Teufels, und man stürbe beim Überschreiten der Grenzwerte, während Raucher sich permanent der 50-fachen Konzentration aussetzen!“ Radermacher empfiehlt dagegen einen globalen Ansatz. Massive Aufforstungsprogramme und die Rückgewinnung landwirtschaftlicher Flächen in Afrika seien der wirtschaftlich aber auch politisch klügere Weg, um die CO2-Emmissionen in den Griff zu bekommen. Gleichzeitig würden so in Afrika Arbeitsplätze und Einkommen entstehen, die den Migrationsdruck auf Europa senken.

Vor dem Vortrag des Gastreferenten hatte Kammerpräsident Eberhard Flammer in seinem Bericht unter anderem die Steuerpolitik der Bundesregierung kritisiert und mehr Flächen für Industrie- und Gewerbeansiedlungen und -erweiterungen gefordert. Dafür stünden in Hessen aktuell nur 1,6 Prozent der Bodenfläche zur Verfügung, unterstrich er. „Wenn ansiedlungswillige Betriebe weiterziehen oder nicht expandieren können, verlieren wir Menschen und Steuereinnahmen“, machte er bewusst. „Lasst uns das Hand in Hand in den Griff nehmen“, forderte er die anwesenden Landtagsabgeordneten, Bürgermeister, den Landrat und den Regierungspräsidenten auf.

Der sich aktuell für 2019 abzeichnende konjunkturelle Knick, der Brexit, die Zollpolitik und die Dieselthematik hätten Einfluss auf das Vertrauen der Verbraucher. „Wir müssen aufpassen, dass man den Menschen nicht zurücklässt, und Arbeit auch politisch besser belohnen“, mahnte er und stellte die Frage in den Raum, ob man Haushaltseinkommen von 40 000 Euro wirklich besteuern müsse, während den Sparern durch die Niedrig-Zins-Politik 30 Milliarden Euro Zinsen vorenthalten würden.

Vor dem Hintergrund der Anfang 2019 anstehenden Wahl zur IHK-Vollversammlung blickte Flammer auch auf die Arbeit der vergangenen fünf Jahre zurück. Man habe die Ausbildungszahlen wie auch die Zahl der ehrenamtlichen Prüfer steigern und die Ausbildungs- und Studienmessen mit rund 37 000 Besuchern im Kammerbezirk etablieren können, erklärte der IHK-Präsident. Studium-Plus, das in Kooperation mit IHKs und regionaler Wirtschaft etablierte duale Studienangebot der Technischen Hochschule Mittelhessen sei ein „Erfolgsmodell ohnegleichen“. Auf IHK-Gutachten gestützte Erfolge beim Bundesverkehrswegeplan - wie der 6-spurige Ausbau der A 45 - tragen wie auch der „Kindersommer“ und das Bündnis für Familien“ sowie die aktive Begleitung der Stadtentwicklung in vielen Kommunen zum erfolgreichen Resümee bei. Auch zu der wirtschaftlichen Entwicklung und den Arbeitslosenzahlen äußerte er sich zufrieden. Er sei aber skeptisch, dass das so bleibe. Last but not least habe man die Beiträge für die IHK-Mitgliedsbetriebe gesenkt, so dass diese pro Jahr um rund 400 000 Euro entlastet worden seien, erklärte Flammer abschließend. (klk)

 

Foto: IHK Lahn-Dill / Kordesch

 

Zum Hintergrund:

Die IHK Lahn-Dill vertritt auf gesetzlicher Grundlage das Gesamtinteresse der rund 23.000 Mitgliedsunternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistungen. In Selbstverwaltung nehmen sie anstelle staatlicher Behörden zahlreiche hoheitliche Aufgaben wahr, vorwiegend im Bereich der beruflichen Bildung und der Außenwirtschaft. Die insgesamt 47 Vollversammlungsmitglieder wurden im Februar 2014 von allen Mitgliedern für eine Amtsperiode von 5 Jahren gewählt. Die Sitzverteilung nach Branchen und Regionen repräsentiert die Wirtschaftsstruktur an Dill und Lahn – zwischen Biedenkopf, Dillenburg und Wetzlar.

Kontakt

Meike Menn

Leiterin Stabsstelle Wirtschaftsförderung, Lahn-Dill-Kreis

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